Dein Dharma ist deine Natur…

11. Oktober 2011

F.: Lieber Guruji, könntest du etwas über die Bedeutung von Punarnava sagen?
Sri Sri Ravi Shankar: Nava bedeutet neu, Puna bedeutet wieder. Etwas wieder zu erneuern ist Punarnava, neues Leben zu bringen, Neuheit in die Wege zu leiten.

F.: Kannst du über Yogamaya sprechen?
Sri Sri Ravi Shankar: Yogamaya ist mit Illusion gepaarte Intuition. Wenn du auf dem Pfad des Yoga vorankommst, hast du manchmal – je mehr du meditierst, desto mehr kommt das vor – Visionen in deinem Inneren, die zu 90 % korrekt sind. Dann beginnst du, an deine eigenen Visionen zu glauben, und nun erweisen sie sich alle als falsch. Das wird Yogamaya genannt. Du solltest dich also nicht allzusehr an deine Visionen oder an deine übersinnlichen Fähigkeiten klammern. Es könnte sein, dass sich einige Illusionen in deine übersinnlichen Fähigkeiten einschleichen. Das nennt sich Yogamaya. Du bist ein Yogi, und plötzlich werden dir gewisse Siddhis zuteil. Du machst dich sofort daran, diese Kräfte oder Siddhis zu nutzen. Plötzlich geht es dann zurück, alles verschwindet, und auch das ist wieder Yogamaya. Die beim Yogi auftauchenden Illusionen und das aufkommende Ego sorgen für seinen Fall. Das ist es also, was wir unter Yogamaya verstehen.

F.: Guruji, in welcher Beziehung stehen der freie Wille und die Vorstellung, der Handelnde zu sein, zueinander?
Sri Sri Ravi Shankar: Sie sind miteinander verbunden. Die Vorstellung, der Handelnde zu sein, besteht dann, wenn das „Ich“ sehr stark ist, das „Ich will es tun“ oder das „Ich tue es.“ Das Ego ist sehr stark. Wenn du also deinen freien Willen durchsetzen willst, wenn du an dem, was du erreicht hast, festhängst, dann geht es um deinen Willen. Ich würde das noch nicht einmal als freien Willen bezeichnen, denn dieser Wille ist zu stark mit der Vorstellung, der Handelnde zu sein, verbunden. Er mag von Erfolg gekrönt sein, aber nur durch große Anstrengung, und schlussendlich wird dir das keine große Freude bereiten. Du hast zwar etwas erreicht, aber du wirst herausfinden, dass es den Einsatz, den du investiert hast, nicht wert war. Beim freien Willen, der ohne die Vorstellung, der Handelnde zu sein, einhergeht, kann man nicht von freiem Willen sprechen, sondern von göttlichem Willen.

F.: Liebster Guruji, wie kann ich herausfinden, was mein Dharma ist? Und ist es überhaupt wichtig, das zu wissen?
Sri Sri Ravi Shankar: Ja, dein Dharma ist deine Natur. Es wird sehr leicht für dich sein, und irgendetwas in deinem Inneren wird dich dazu bringen, es zu befolgen. Verstehst du?

F.: Guruji, es gibt Weisen, die unser Leben mit Hilfe von Palmblättern genau voraussagen können (Nadi Vidya). Spiele ich überhaupt noch eine Rolle in meinem Leben, wenn doch alles vorherbestimmt zu sein scheint? Auf welche Weise kann der Pfad des Sadhana daran etwas ändern?

Sri Sri Ravi Shankar: Schau, das Leben ist eine Mischung aus Folgendem: Zu akzeptieren, was ist, und das tun zu wollen, was du gerne tun möchtest. Es ist eine Mischung aus beiden. Du hast einen Vorsatz in deinem Geist, und so gehst du weiter. Schau, du hattest die Absicht, herzukommen, und du bist gekommen. Wenn du aber die Vergangenheit betrachtest, sagst du, es sei alles vorausbestimmt, es sei alles Schicksal. Deshalb nenne ich dir eine einfache Formel, die du befolgen solltest. Betrachte die Vergangenheit als Schicksal, sodass du nichts bereuen musst. Und betrachte die Zukunft als freien Willen, sodass du nichts aufschiebst oder lethargisch wirst und sagst: „Wenn Gott will, wird es geschehen.“ Wenn du die Zukunft als Schicksal bezeichnest, besteht die Gefahr, dass du lethargisch wirst und nichts tust. Du solltest die Dinge nicht dem Schicksal überlassen! Die Zukunft unterliegt dem freien Willen, die Vergangenheit ist Schicksal und in der Gegenwart lebst du. Das ist eine weise Art zu leben. Nicht so weise ist es, wenn du davon ausgehst, dass die Vergangenheit dem freien Willen unterliegt, und du sie deshalb dauernd bereust: „Oh, ich hätte das nicht tun dürfen!” Du sagst dann: „Oh ich hätte Ingenieur werden sollen, ich habe einen schweren Fehler begangen“, obwohl du gerade in Medizin promoviert hast. Du klagst dich selbst an und bereust die Vergangenheit, wenn du davon ausgehst, dass du sie mit dem freien Willen hättest beeinflussen können. Und wenn du denkst, die Zukunft sei Schicksal, überlässt du alles dem Schicksal, trägst nichts dazu bei und wirst dich im gegenwärtigen Augenblick elend fühlen. Das ist eine unkluge Art zu leben. Verstehst du?

F.: Lieber Guruji, ich kann deinem Wissen entnehmen, dass wir nicht nur einen, sondern mehrere Körper haben. Kannst du bitte über die feinstofflichen Körper und über den Kausalkörper sprechen? Ich habe davon gehört, weiß aber nicht, was ich mir genau darunter vorstellen soll.
Sri Sri Ravi Shankar: Ja, der physische Körper ist während der Stunden des Wachseins aktiv. Im Zustand des Schlafes ruht der physische Körper, und der feinstoffliche Körper wird aktiv. Weil du in den Zustand des Träumens gelangst, erscheinen die Träume. Im Zustand des Tiefschlafs gehen diese beiden  Körper in den Zustand des Schlafes, aber der Kausalkörper ist immer noch da, wach und gewahr. Der Kausalkörper wird während der tiefen Meditation gereinigt. Bei der Erleuchtung ist der Kausalkörper vollkommen frei. Wenn wir sterben, geschieht Folgendes: Der physische Körper wird abgetrennt, und der feinstoffliche Körper mit all seinen Eindrücken besteht weiter.  Der feinstoffliche Körper und der Kausalkörper bilden einen Ballon, existieren weiter und suchen nach der richtigen Gelegenheit, der richtigen Gebärmutter, in die sie eintreten wollen. Wenn die Seele feststellt, dass ein Paar sich vereint, dass die Energieebene und die Harmonie zwischen den Partnern zur Energieebene der Seele passen, dann kommt sie zu ihnen und wählt sie als Eltern aus. Manchmal bringt die Seele auch zwei Menschen zusammen. Die Seele wählt eine bestimmte Frau und einen bestimmten Mann als Vater und Mutter aus. Diese zwei Menschen werden dann zusammengeführt, und es besteht eine sehr starke, fast unerträgliche Anziehungskraft zwischen ihnen. Nach der Geburt des Kindes ist die Anziehung zwischen den beiden Menschen dann plötzlich völlig verschwunden, ganz vorbei. So etwas geschieht, und deshalb lassen sich so viele Menschen nach dem ersten Kind scheiden. Wie viele von euch haben schon gesehen, dass so etwas sich ereignet hat? Ein intensives Bedürfnis nach Trennung kommt auf, und dann solltest du wissen, dass die Seele veranlasst hat, dass das geschieht. Das ist sehr erstaunlich. All diese Dinge sind sehr interessant. Einerseits ist es erstaunlich. Andererseits kannst du durchdrehen, wenn du nicht so sehr im gegenwärtigen Augenblick bist und siehst, in wie vielen feinstofflichen Welten wir gleichzeitig leben. Es geschehen so viele Dinge gleichzeitig im Universum! Das ist sehr interessant! Du kommst also in den physischen Körper, um den feinstofflichen Körper zu reinigen. Es besteht keine Möglichkeit, den feinstofflichen Körper zu reinigen, wenn du dich im Raum aufhältst. Also inkarnierst du in einem menschlichen Körper, um dich von all den Eindrücken zu befreien. Wenn du dich von den subtilen Eindrücken im feinstofflichen Körper befreit hast, wird auch der Kausalkörper durch die göttliche Gnade frei. Das wird Nirvana genannt. Es gibt kein Verlangen mehr, keine Ablehnungen, nichts, du bist total hohl und leer. Du willst nichts und bist total zufrieden. Du empfindest, dass du ganz bist. Das berührt den Kausalkörper. Der Kausalkörper wird nicht durch deine Anstrengung befreit, sondern lediglich durch den göttlichen Willen und die göttliche Gnade. Das Universum beschließt, ob der Kausalkörper bestehen bleibt oder entfernt, aufgelöst werden soll. Es ist erstaunlich. Du kannst auf der physischen Ebene und auf der feinstofflichen Ebene arbeiten, das ist alles. Aber das allein reicht schon und ist eine große Aufgabe. Auf den Rest kannst du nur warten.

F.: Guruji, wenn wir sterben, bleiben der Körper und der Atem zurück und unser Geist, unser Gedächtnis und unsere Seele sind immer noch zusammen mit all den Eindrücken. Bleiben der Intellekt und das Ego auch bei uns? Können wir dann den Intellekt dazu benutzen, unseren Geist zu beruhigen?
Sri Sri Ravi Shankar: Die Eindrücke des Intellekts sowie das Verlangen und die Abneigungen des Geistes gehen mit dem feinstofflichen Körper weg. Wenn du stirbst, ist die Seele deshalb während einiger Zeit in Verwirrung, sie kann es nicht erkennen. Sie ist gerade aus dem Körper gekommen, aber sie weiß nicht, was tun. Sie möchte nicht in den Körper zurück, denn der Körper erscheint ihr als sehr graue Materie, als sehr dunkel und unerträglich. Sie will also nicht dahin zurück, sie empfindet ihren eigenen Körper als schlecht und fühlt sich die meiste Zeit vom ihm abgestoßen. Manchmal geht sie zurück. Die Seele ist voller Frieden dort draußen. Sie sieht die Menschen weinen und klagen. Sie versucht ihnen zu sagen: „Ich bin in Ordnung, macht euch keine Sorgen”, aber es kann keine Kommunikation stattfinden. Es ist Tradition, ein Licht neben dem Bett des Körpers brennen zu lassen. Das wird auch in der christlichen Tradition getan, nicht wahr? In der hinduistischen Tradition geschieht es ebenfalls. Warum lässt man ein Licht neben dem Kopf brennen? Damit die Seele – wenn sie plötzlich ins Licht schaut –  das Licht erkennt. Sie soll erkennen, dass sie Licht ist, wenn sie immer noch nach etwas verlangt. Man lässt eine Lampe oder eine Kerze in der Nähe des Körpers brennen, einfach um die Seele daran zu erinnern, dass ihre Natur und die des Geistes Licht ist. Es geschieht nicht für uns,  sondern für die Seele, denn sie kann immer noch sehen und riechen. Sie hat den Tastsinn verloren, aber der Geruchsinn, der Gesichtssinn und der Hörsinn sind alle drei noch erhalten. Der Tradition gemäß nimmt meistens der Sohn – manchmal auch die Tochter – kurz vor der Kremation den Kopf des Verstorbenen in seinen Schoß und sagt ihm ins Ohr: „Du bist das Licht, du bist die Seele, du bist nicht der Körper. Lass´ alle Anhaftungen mit dem Körper los.” Diese Worte werden alle auf Sanskrit gesprochen. Der Priester sagt sie ihnen vor, und die Leute wiederholen sie einfach in dieser Sprache, ohne sie zu verstehen. Sie sagen dem Verstorbenen ins Ohr: „Die fünf Elemente gehen zu den fünf Elementen zurück. Du bist nicht nur diese fünf Elemente, du bist das Licht, die Seele, du bist der Geist, du bist frei und musst jetzt gehen.“ Sie sagen das ins Ohr des Leichnams, falls die Seele noch herumhängen sollte. Und das tut sie, weil sie nicht weiß, was sie tun soll. Es dauert nahezu zehn Tage, bis die Seele sich an diese neue Ebene gewöhnt hat, in die sie gelangt ist. Ein Tag in der Ebene der Vorfahren, die sie nun erreicht hat, entspricht einem Jahr bei uns. Ein Jahr bei uns entspricht  in jenem Reich nur einem Tag und einer Nacht. Es gibt dort auch drei Ebenen, Lokas: Vasuloka, Rudra und Aditya. Es gibt drei Lokas, in denen die Seele sich für einige Zeit aufhält. Drei verschiedene Devas sind dort anwesend, welche die Seele zu diesen Orten führen. Ein frommer Mensch, der gestorben ist, nachdem er ein sehr gutes Leben geführt hat, wird direkt zu diesen Lokas gebracht. Drei Engel sind dort, die Pururava, Ardrahva, und Vishvadeva heißen. Drei verschiedene Devas erscheinen und bringen die Seele in die ihr entsprechende Ebene. Das ist interessant!

In einer jährlichen Zeremonie, die durchgeführt wird, wird der Vorfahren gedacht. Zuerst werden die Engel eingeladen und gebeten, dir die Vorfahren zu bringen, weil du sie ehren möchtest. Diese Engel sind die Wächter. Also sagst du zu ihnen: „Vishvadeva, bringe mir meinen Vater, meine Mutter, meinen Großvater oder meine Großmutter zu dieser Zeremonie. Bringe sie, denn ich möchte sie ehren.” Die Menschen aus früheren Zeiten wussten alle diese Dinge sehr gut, sie hatten Zugang zu diesen Ebenen. Auch heute führen Menschen solche Zeremonien durch und tun all diese Dinge.

F.: Lieber Guruji, wird die Hingabe zu einer Person, zu einem Guru, ins nächste Leben einer Person mitgetragen? Empfindet auch eine erleuchtete Person Hingabe für ihren Guru? Wenn nicht, dann wünsche ich mir keine Erleuchtung.
Sri Sri Ravi Shankar: Ja, Hingabe ist deine Natur und wird dich nicht verlassen. Hingabe ist ein Teil deiner eigenen Natur. Die Süße kann den Zucker nicht verlassen, die Kühle nicht das Eis, die Natur des Fließens nicht das Wasser. Du kannst es nicht Wasser nennen, wenn es nicht fließt. Und so gehört die Hingabe  zu deiner Natur. Mache dir keine Sorgen darüber, in Ordnung?

F.: Wie können wir wissen, ob wir heiraten und eine Familie gründen, oder ob wir ein Leben als Single im Dienst der anderen führen sollen?
Sri Sri Ravi Shankar: Es kommt auf deinen Charakter an, es hängt davon ab, was du tun möchtest. Du hast die Wahl und hast meinen Segen. Beide Lebensarten haben ihre Herausforderungen. Es ist eine Herausforderung, Single zu sein, verheiratet zu sein vielleicht eine noch größere. Das ist es, was ich gehört habe. Etwas möchte ich dir jedoch noch mitgeben: Es spielt für mich keine Rolle, ob du nun alleine bleibst oder heiratest. Was mir aber wirklich wichtig ist, ist dass du so oder so glücklich bist. Wenn du verheiratet bist, sollst du glücklich sein, wenn du Single bist, sollst du glücklich sein. Denke nicht, dass du nur glücklich sein kannst, wenn du verheiratet bist, das ist ein großer Fehler. Wenn du – nachdem du geheiratet hast – denkst, du wärest als Single glücklicher gewesen, ist das ein ebenso großer Fehler. Verstehst du? Sei also einfach glücklich, was immer du tust. Wenn du ein Single sein willst, dann sei ein Single, sehr gut. Wenn du aber irgendwann denkst, es sei zu viel für dich, alleine zu sein, und du heiraten möchtest, gebe ich dir meinen Segen. Wir werden es hier im Ashram arrangieren, dass alle, die heiraten möchten, herkommen können. Wir haben eine schöne Halle, einen sehr guten Speisesaal, wir haben alles. Wir werden einen Priester haben, der dauerhaft hier sein wird und euch über die Zeremonie aufklären kann. Wenn es hier ein paar Leute gibt, die Priester werden wollen, können sie dazu ausgebildet werden. Komm´ für zwei oder drei Monate nach Indien, und du bekommst eine Ausbildung über vedische Heirat mit all den Bedeutungen und allem, was dazugehört. Wir werden das tun. Wir werden auch Unterricht anbieten, der  jemanden dazu befähigt, gute Heiratszeremonien durchzuführen.   Die Art, wie eine Heirat in früheren Zeiten durchgeführt wurde, das Eheversprechen, alles ist sehr schön. Die Trauzeugen bei deiner Heirat sind nicht Menschen, sondern die fünf Elemente. Du hast einen Topf mit Wasser, und das Wasser,  das Feuer, der Raum, die Sonne und der Mond sind Zeugen deiner Heirat. Es ist also nicht nur eine Heirat zwischen zwei Menschen, zwei Personen, sondern die beiden Menschen verbinden sich gleichzeitig mit dem Universum, wenn sie heiraten. Sie fühlen ihre Verbundenheit mit dem ganzen Universum. Das ist wunderbar und sehr schön. Natürlich kannst du auch auf andere Weise heiraten. Wir können das alles tun, was meint ihr? Das ist eine gute Idee! Nur Singles haben geklatscht… (Lachen). Nun ist die Idee geboren, und ihr könnt es anderen Menschen, euren Freunden weitererzählen. Wir werden hier Dinge dieser Art durchführen, auch schöne Geburtstags- und andere Feierlichkeiten, und die Leute können kommen.

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