Gebet kann nicht kultiviert werden, es ist ein Phänomen. Es geschieht einfach in dir!

Bangalore, 31. August 2011

F.: Wie sollen wir mit religiösem Fanatismus in unseren Familien und Gemeinden umgehen?

Sri Sri Ravi Shankar: Auf diese Frage gibt es nicht nur eine Antwort. Du musst dir diese Frage wiederholt stellen, und du wirst jedesmal eine andere Antwort dafür erhalten, die du jeweils zu der entsprechenden Zeit anwenden musst. Schau, eine Frage kann nur einmal korrekt beantwortet werden. Das hier ist jedoch keine solche Frage, sondern eine Reise. Wir können auf dem Weg unzählige Male vor- und rückwärts gehen. Diese Frage – wie wir uns von Fanatismus und Terrorismus befreien können – müssen wir uns immer wieder stellen, mit einem offenen Geist und dem Willen, jedermann anzunehmen, mit einem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Wenn jemand einmal eine spirituelle Erfahrung gemacht hat, kann er nicht mehr fanatisch bleiben. Nur Blinde und Unwissende können fanatisch sein. Bewusste und weise Männer und Frauen können nicht fanatisch sein. Ihr Geist ist offen, ihre Herzen sind weich, ihre Hände sind energetisiert, und sie sind enthusiastisch darüber, Seva zu tun.

F.: Die Menschen ziehen Kinder auf in der Hoffnung, die Kinder würden sie unterstützen, wenn sie alt sind. Ist es nicht ein egoistisches Motiv, Kinder auf diese eigennützige Welt zu bringen?

Sri Sri Ravi Shankar: Nein, das ist nicht unbedingt richtig. Kinder zu haben, bringt den Eltern eine gewisse Freude. Manche Menschen haben auch Kinder, ohne es geplant zu haben! Du kannst diese Situation nicht aus einem so engen Blickwinkel betrachten. Kinder zu haben bedeutet Freude. Es ist unfair, alle Menschen in einen Topf zu werfen, es wäre falsch. Wenn jemand Kinder aufzieht, in der Hoffnung, im Alter Unterstützung zu bekommen, wäre das ein großer Fehler. Es mag einige Menschen geben, die das tun, ich weiß es nicht. Aber die meisten Menschen möchten Kinder haben, wegen der Freude und der Befriedigung, Eltern sein zu können. Es gibt so viele verschiedene Arten von Menschen auf dieser Welt. Nicht alle sind gleich.

F.: Gurudev, wenn ich ganz bin (sampoorna), warum brauche ich dann meine bessere Hälfte (Ardhaangini)?

Sri Sri Ravi Shankar: (Guruji lacht.) Wie kannst du dann sagen, dass du ganz bist? Du wirst mit deiner Ehefrau ganz sein. Wenn du die Bedürfnisse des Lebens betrachtest, ist niemand durch sich alleine ganz. Du stellst den Stoff für deine Kleider nicht selbst her. Jemand stellt den Stoff für dich her, ein Schneider näht die Kleider, dann erst ziehst du sie an. Du pflanzt deine Nahrung nicht selbst. In unserem Leben sind wir in vielen Dingen von anderen abhängig. Was jedoch dein inneres Leben betrifft, bist du frei, glücklich zu sein, Glück ist deine Wahl.  Du kannst glücklich bleiben, ob deine bessere Hälfte nun bei dir bleibt oder nicht. Viele Menschen sind auch nach der Heirat nicht glücklich, viele sind unglücklich, weil sie Single sind. Was ich versuche zu sagen ist, dass du diese Ganzheit erfährst, wenn du tiefer in die Meditation eintauchst. Sie kann nicht dadurch erfahren werden, dass  dir jemand davon erzählt, oder weil du etwas darüber hörst. Wenn du dir dieser Ganzheit bewusst wirst, und es sich auf deinem Gesicht widerspiegelt, kannst du auch anderen Wohlbefinden und Befriedigung bringen. Dann musst du nicht mehr „Aadhaa hai chandramaa, raat aadhi” singen. (Text eines bekannten indischen Filmsongs: Es ist Halbmond, die Nacht ist auch so.) Nur jemand, der von innen heraus erfüllt ist, kann vollkommen lieben.

F.: Wie sehr sollten wir Aberglauben Beachtung schenken, zum Beispiel, eine Katze, die unseren Weg kreuzt, oder schwarze Kleidung?

Sri Sri Ravi Shankar: Hör´ zu, wie kannst du an Aberglauben glauben? Du kannst die helle Sonne mitten in der Nacht nicht sehen! Unmöglich! Wenn du denkst, etwas sei Aberglaube, ist es schon vorbei damit. Es beendet den Aberglauben. Das war´s! Zwinge dich nicht, an die Überzeugung einer anderen Person zu glauben. Wenn du es als Aberglauben erkannt hast, solltest du weitergehen. Katzen überqueren die Straße so oft. In unserem Land haben wir so viele von diesen falschen Vorstellungen! Ich habe von einem Tempel gehört, in dem sie die Kinder kopfüber baumeln lassen, damit sie gesund werden oder irgendetwas dieser Art. Man sollte diese Dinge hinter sich lassen, das ist alles absurd. Wir sollten solche Praktiken beenden. Viele solche falschen Praktiken finden nicht nur in diesem Land statt, sondern überall in der Welt. Intelligente Menschen sollten aufwachen und all diese Dinge stoppen. Wir müssen das tun. In unserem Land finden Tieropferungen statt, Hühner werden der Göttin geopfert. In allen Religionen ist solcher Aberglauben anzutreffen. Es ist notwendig, das zu beenden. Viele solche Dinge geschehen im Namen der Religion.

Wenn du dich auf die Shaastras beziehst – hier handelt es sich nicht um Aberglauben. Das Wort Shaastra bedeutet „systematisches Verstehen der  Realität“. Ich werde dir ein Beispiel geben. Die Menschen im Süden pflegten zu sagen: „Dein Kopf sollte beim Schlafen nicht in Richtung Norden zeigen.“ Während vieler Jahre habe ich auch gedacht, das sei Aberglaube. Was soll das schon für einen Unterschied machen, in welche Richtung dein Kopf zeigt. Schließlich ist die Erde rund. Aber es begann Sinn zu machen, als die Wissenschaftler sagten, es sei besser, das magnetische Feld zu durchtrennen, als in diesem Feld zu schlafen, weil in diesem Fall die magnetische Energie durch deinen ganzen Körper fließe. Wenn die magnetische Energie durch deinen Körper fließt, entzieht sie dir eine Menge Energie, und wenn du am Morgen aufwachst, fühlst du dich immer noch ein wenig erschöpft. Wenn du das magnetische Feld durchtrennst, fließt es nicht von Kopf bis Fuß durch das Nervensystem, es fließt horizontal durch dich hindurch. Dann fühlst du dich besser.

Das sind die Dinge, die du verstehen musst; was richtig und was falsch ist. Ich möchte noch über einen weiteren Aberglauben sprechen. Der  Janeyu (heilige Schnur, die von hinduistischen Männern über dem Rumpf getragen wird) sollte vor dem Toilettengang um das Ohr gewickelt werden. Ich war überzeugt, dass das Aberglaube sei. Kann man sich nicht erleichtern oder Darmbewegungen haben, ohne dieser Anweisung Folge zu leisten? Wird der Janeyu dadurch seine Heiligkeit verlieren? Ein Arzt in New York entdeckte jedoch  bei seinen Nachforschungen, dass die Darmbewegungen erleichtert werden, wenn Druck auf die Nerven rund um das Ohr ausgeübt wird. Da erkannte ich, dass das, was als Aberglaube betrachtet wurde, doch eine gewisse Berechtigung hatte. Wir müssen also Folgendes tun: Wir sollten etwas als Aberglaube betrachten, solange kein berechtigter Grund vorliegt, der auf das Gegenteil hinweist. Sollte aber ein solcher Grund auftreten, sollten wir die Sache nicht mehr als Aberglaube betrachten, sondern sie akzeptieren. Wir dürfen unser wissenschaftliches Naturell niemals außer Acht lassen. Dem wissenschaftlichen Naturell sollte Rechnung getragen werden.

Der Arzt erklärte, dass durch den Druck auf die Ohrennerven der Blutdruck gesenkt würde, was die Darmbewegungen erleichterte. In den Ohrläppchen sind all die Nervenenden vorhanden, die für die Wachheit des Geistes verantwortlich sind.
Wie wurden die Schüler in den Schulen bestraft? Wenn wir einen Fehler begangen hatten, wurden wir angewiesen, unsere Ohren zu halten, an den Ohren zu ziehen. Wissenschaftler sagen nun, dass durch dieses Ziehen an den Ohrläppchen die Neuronen aktiviert werden, die für die Wachheit zuständig sind. In diesem Fall sollten wir den Vorgang als positiv betrachten. In unserer Tradition kommt auch ear piercing (Durchstechen der Ohrläppchen) vor, sowie das Verlängern der Ohrläppchen. Lord Buddha wird mit sehr langen Ohrläppchen dargestellt, und zwar nicht, weil er so große Ohren hatte, sondern weil sein Bewusstsein so hoch war, dass er niemals Fehler beging.

Wisst ihr, was sie in Tamil Nadu tun? Die Leute klopfen sich mit ihren Knöcheln leicht gegen die Stirn, wenn sie Lord Ganeshas  Tempel besuchen. Das bedeutet nicht, dass sie Lord Ganesha um Vergebung für ihre Fehler bitten. Wisst ihr, die Nerven, die sich im Bereich der Stirn befinden, werden stimuliert, wenn wir leicht mit unseren Fingerknöcheln dagegen klopfen. Das verstärkt die Wachheit.
In unserer Kultur gibt es einen Brauch, bei dem etwas Zucker und Schlamm miteinander vermischt werden. Um den Zucker vom Schlamm zu trennen, wird er ins Wasser gelegt. Wasser steht für Urteilsvermögen (Viveka). Das bedeutet, dass das, was durch die Urteilsfähigkeit bewiesen werden kann, akzeptiert werden sollte. Weiter bedeutet es, dass jedes Sankalpa (Intention), das sich in unserem Geist befindet, beginnt, sich zu verstärken. Wir verstärken also eine Vorstellung durch unser eigenes Sankalpa. Wir müssen dieser Tatsache Rechnung tragen.

F.: Guruji, kann man sich den Uterus aussuchen, aus dem man geboren wird, sowie die Zeit und den Ort der Geburt?

Sri Sri Ravi Shankar: Hör´ zu, warum beschäftigst du dich mit dem nächsten Leben, nun da du schon hier bist? Sei einfach hier. Mach´ das Beste aus diesem Leben. Um den Rest werden wir uns kümmern, wenn es soweit ist.

F.: Guruji, das Gayatri Mantra soll nur mental gesungen werden, während andere Mantren – wie Om Namah Shivaya – laut gesungen werden. Welche Wissenschaft verbirgt sich dahinter?

Sri Sri Ravi Shankar: Weißt du, wenn du laut singst, erschaffst du mehr Energie überall um dich herum. Diese Art von Singen hat ihre eigene Energie, mentales Chanten hat eine eigene Energie. Das Wichtigste ist jedoch das Gefühl (Bhaava) dahinter.

F.: Segnungen und Gebet : Wie kann man beide Dinge effektiver machen? Gib uns ein paar Tricks, Guruji.

Sri Sri Ravi Shankar: Gebet kann nur geschehen, wenn vollkommene Hilflosigkeit oder unermessliche Dankbarkeit besteht. Wenn du sehr viel Dankbarkeit empfindest, geschieht Gebet automatisch in dir. Wenn du dich total hilflos fühlst und denkst, dass du nichts tun kannst, findet ebenfalls Gebet statt.

Gebet kann nicht kultiviert werden, es ist ein Phänomen. Es geschieht einfach in dir. Wer betet zu wem? Der Geist betet zu sich selbst, die Welle betet zum Ozean. Und du bist beide. Du bist sowohl der Ozean als auch die Welle. In deinem Inneren gibt es den Geist, in deinem Inneren gibt es den Ozean. Deshalb heißt es im Yajur Veda: „Devo bhootva, devam yajeta.“ Du bist im Göttlichen verankert und betest zum Göttlichen, und zwar nicht zu jemandem, der sich außerhalb befindet.

Gebet findet statt, wenn der Geist zum Selbst zurückgeht. Gebet geschieht also automatisch, auf spontane Weise. Alles was du wissen musst ist Folgendes: Wache auf und erkenne, wie viel du in deinem Leben bekommen hast. Alle Göttinnen (Devis) und Götter (Devataas) haben eine Hand oben und die andere unten, mit der Handfläche nach außen. Weißt du, was das bedeutet? Es symbolisiert: „Ich gebe dir so viel. Mach´ dir keine Sorgen.”  Das lässt ein Gefühl des Wohlbefindens entstehen. Die erhobene Hand steht für Abhaya, was bedeutet, dass du dich nicht sorgen oder fürchten musst. Die untere Hand steht für Varadaa, was bedeutet, dass du bekommst.

Am Ende des Rig Veda heißt es: „Sanat pitev soona”, wie wenn der Sohn zum Vater sagt: „Paramaatmaa (Gott), du gibst so viel und gibst weiterhin. Beschütze mich, wie der Vater seinen Sohn beschützt.”

So beschützt das Göttliche dich zu jeder Zeit. Es gibt dir zu jeder Zeit.

F.: Guruji, ich empfinde eine tiefe Befriedigung auf dem spirituellen Pfad. Bedeutet diese Befriedigung, dass ich aufgehört habe zu wachsen, oder hat das damit nichts zu tun?  

Sri Sri Ravi Shankar: Nein, das ist gut. Befriedigung ist notwendig. Sie sollte dich nur nicht schläfrig oder dumpf werden lassen und dir auch nicht deine Motivation nehmen. Dynamik und Handlungsmotivation gepaart mit innerer Befriedigung ist die beste Kombination.

F.: Guruji, brauchen wir nicht gewisse Kriterien oder Mindestqualifikationen als Voraussetzung, um ein Mitglied des Parlaments oder der gesetzgebenden Versammlung werden zu können? Auf welche Eigenschaften sollten wir unser Augenmerk richten, wenn wir unsere Politiker wählen? 

Sri Sri Ravi Shankar: Das ist die Frage: Welche Qualifikationen  sind erforderlich, um ein Politiker werden zu können? Ideal ist es, wenn er nichts für sich selbst erstrebt, sondern den Menschen dienen will, im Sinne von: Ich bin zufrieden, ich habe alles, was ich brauche, nun möchte ich der Bevölkerung, den Menschen dienen. Eine solche Absicht lässt erkennen, dass du nun dazu fähig oder qualifiziert bist, dich um die Gesellschaft zu kümmern. Das wäre das Idealste.  Zweitens sollte ein Politiker alles in seiner Macht Stehende tun, um die Menschen zu vertreten, ihre Stimme wahrzunehmen und ihnen das zu bringen, was sie sich wünschen. Zwei Dinge sind notwendig: Die Stimme der Menschen in die Versammlung zu bringen und ihnen das zu geben, was sie benötigen.

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