Wenn wir in der Aktivität sind, sollten wir annehmen, dass nichts in Ordnung ist. Wenn wir jedoch in Meditation sind, sollten wir empfinden, dass alles gut ist.

20. August 2011

F.: Mein Geist ist unruhig. Wie kann ich ihn kontrollieren?

Sri Sri Ravi Shankar: Der Geist wird durch Übung und Erfahrung zur Ruhe kommen. Durch Erfahrung kannst du Leidenschaftslosigkeit und Loslösung (Vairaagya) erfahren. Was ist Leidenschaftslosigkeit? Als Kind warst du begeistert von Zuckerwatte. Du hast sie gegessen, als ginge es um dein Leben. Schokoladenkuchen und Eis bedeuteten dir alles. Als du jedoch älter wurdest, verloren Bonbons und Schokoladen ihre Bedeutung, und attraktive junge Männeroder Frauen zogen dich an. Mit dem Alter wurde deine Aufmerksamkeit auch nicht mehr vom  Aussehen eines Menschen angezogen. Das wird  Leidenschaftslosigkeit genannt.
Im Leben eines jeden Menschen erscheint ein gewisses Ausmaß an Leidenschaftslosigkeit auf natürliche Weise. Durch das Wissen geschieht es jedoch schneller. Ohne Wissen kann Leidenschaftslosigkeit nicht reifen, sie wird immer wieder gestört werden. Wenn aber ein scharfer Intellekt, Wissen und ein guter Satsang zusammenkommen, erscheint die Leidenschaftslosigkeit wie ein Düsenflugzeug. Leidenschaftslosigkeit bedeutet nicht, apathisch zu sein, alles als nutzlos und sinnlos zu betrachten, eine Haltung einzunehmen, überall schon gewesen zu sein, alles schon getan zu haben und über allem zu stehen. Leidenschaftslosigkeit ist ein fröhlicher, sorgenfreier Zustand des Seins.
Oft sind diejenigen, die du als leidenschaftslos betrachtest, eigentlich depressiv. Deshalb lassen sich manche Menschen von denjenigen abschrecken, die sich als leidenschaftslos bezeichnen. Adi Shankaracharya sagte: „Kasya sukham na karoti viraagaa.” Das  bedeutet: „Gibt es eine Freude, die Leidenschaftslosigkeit nicht gewährleisten kann?” Jede Art von Freude und Behaglichkeit wird auf natürliche Weise und ohne jede Anstrengung zu dir kommen. Aus diesem Grund wird der ruhelose Geist durch Übung und Leidenschaftslosigkeit still.

F.: Wie können wir Selbstkontrolle erreichen?

Sri Sri Ravi Shankar: Du kannst Selbstkontrolle durch deinen Willen erreichen. Als Erstes sagst du: „Ich werde das nicht tun, ich werde während der nächsten drei Tage nicht zu viel essen, ich werde dieser Sache während sieben Tagen nicht nachgeben.“ Zuerst also Sebstbestimmtheit. Zweitens: Angst: „Wenn ich der Verlockung zu sehr nachgebe, werde ich ein Problem bekommen.“ Drittens: Jemand erzählt dir, dass du beim Glücksspiel gewinnen wirst, wenn du während eines Monats nicht nachgibst. Dann wirst du sagen: „Ich werde auf keinen Fall nachgeben!“
Um schlechte Gewohnheiten loszuwerden, gibt es also immer drei Möglichkeiten:

1. Gier: Wenn jemand dir verspricht, dass du im Lotto gewinnen wirst, wenn du die schlechte Gewohnheit unterlässt, wirst du das tun.

2. Angst: Wenn jemand dir sagt, deine Lungen werden kollabieren und du wirst in zwei Tagen sterben, wenn du weiterhin rauchst, wirst du keine Zigarette mehr anrühren.

3. Liebe.

Ich kenne keinen anderen Weg. Ihr könnt es mir sagen, wenn ihr einen wisst.

F.: Wenn wir Sadhana machen, verbinden wir uns dann mit der Seele oder mit Gott?

Sri Sri Ravi Shankar: Sind sie getrennt oder eins? Sind die Wellen und der Ozean getrennt oder eins? Die Welle ist die Seele, und Gott ist der Ozean. Wenn „Ich-Bewusstsein” vorhanden ist, ist es die Seele, und wenn dieses Bewusstsein ruht, ist es Gott. Niemand kann sich also außerhalb von Gott befinden oder hat das jemals getan.
Schau, kannst du ohne Sauerstoff leben? Manchmal jedoch – wenn es sehr warm ist – kannst du dich erstickt fühlen, selbst wenn Luft vorhanden ist. Wenn du neben dem Ventilator sitzt, kannst du die Luft fühlen, die Brise wahrnehmen. Das ist als  Saanidhya (in der Gegenwart von… sein) bekannt. Es ist nicht so, dass die „Gegenwärtigkeit“ nicht da ist, sie ist immer da, aber wir beginnen, sie zu erfahren, wenn wir in der Nähe des Ventilators sitzen und die Brise fühlen. So verhält es sich auch beim Sadhana. Wir beginnen zu erleben, was Gott ist. Wir erfahren die Liebe.

F.: Ich denke den ganzen Tag über dich nach, jede Sekunde. Bedeutet das, dass ich irgendeinen Mangel habe, oder ist es in Ordnung?

Sri Sri Ravi Shankar: Nun, es ist nicht möglich, den ganzen Tag darüber nachzudenken. Wenn der Gedanke immer wieder einmal auftaucht, wird er kommen und wieder gehen. Gehe so damit um, wie mit jedem anderen Gedanken auch, der kommt und wieder verschwindet. Auf einer sehr subtilen Ebene jenseits der Gedanken sind wir alle miteinander verbunden. Es ist natürlich, dass Gedanken kommen und gehen. Du kannst nichts dagegen tun.

F.: Ich finde es schwierig, zu Menschen oder Situationen nein zu sagen. Wie kann ich nein sagen, ohne zu verletzen?

Sri Sri Ravi Shankar: Als du ein Kind warst, wolltest du nicht zur Schule gehen. Hätten deine Eltern ja anstatt nein dazu gesagt, was wäre dann aus dir geworden? Verstehst du, was ich meine? Manchmal ist es gut für jemanden, wenn man nein zu ihm sagt. Du musst nein sagen.
Kümmere dich nicht darum, ob du sie verletzt oder nicht. Wenn ein Nein gut für sie ist, wenn es einen Vorteil für sie bedeutet, ist das viel wichtiger, als wenn du versuchst, sie nicht zu verletzen. Wenn du Übungen machst, kann das weh tun. Wenn es weh tut, ist die Übung gut. Nicht wahr? Ohne Schmerz gibt es keinen Gewinn. Wenn du andere jedoch grundlos mit einem Nein verletzt, ist das etwas anderes. Hier ist dein Hirn gefragt.

F.: Lieber Guruji, welches ist das karmische Ziel, wenn man Kinder bekommt? Welches ist die ideale Rolle von Eltern im Leben eines Kindes?

Sri Sri Ravi Shankar: Die ideale Rolle von Eltern besteht darin, sich Wissen anzueignen und es den Kindern weiterzugeben, sie zu guten Bürgern zu erziehen, ihnen beizubringen, hilfreich für die Gesellschaft, nicht egoistisch oder selbstbezogen zu sein, sondern jemand, der sich für die Welt einsetzt.

F.: Die Leute sagen ich sei nicht aggressiv. Muss ich es wirklich sein? Und wie wird man es?

Sri Sri Ravi Shankar: Du kannst ein wenig Aggression zeigen, wenn es notwendig und für etwas Gutes ist. Aber wenn du meditierst, ist es überhaupt nicht notwendig, dass du aggressive bist. Die Dinge werden geschehen. Die Leute sagen immer irgendetwas. Wenn du aggressiv bist, wird jemand sagen, du seist zu aggressiv. Irgendjemand wird immer irgendetwas sagen, richte dich nicht nach jedermanns Meinung. Finde heraus, was du tun willst.

F.: Alle Heiligen und auch alle heiligen Schriften sagen, dass die größte Wohltat der menschlichen Existenz die Gottesverwirklichung sei, und dass der Weg zur Kommunikation mit der Seele die Gotteserkenntnis sei. Die Seele ist zwar schon gegenwärtig, bleibt aber doch in einer gewissen Weise unerreichbar. Wie kann dieser Eindruck ausgelöscht werden?

Sri Sri Ravi Shankar: Wenn der Geist nach außen orientiert ist, kann er die Seele nicht erkennen. Sie ist sich ihrer eigenen Existenz nicht bewusst. Wenn wir uns zum Beispiel nach anderen umsehen, verlieren wir das Bewusstsein für unseren eigenen Körper. Wir sind uns nicht bewusst, dass wir atmen, wenn wir nach außen schauen. So ist es auch im Kino: Du siehst nur das, was sich auf der Leinwand abspielt. Du hast keine Vorstellung mehr darüber, wo du gerade bist, ob du müde bist, ob dein Körper gesund ist. Während des Schlafes vergessen wir alle unsere Schmerzen und Sorgen. So ist es auch, wenn unser Geist nach außen orientiert ist: Er vergisst sich selbst und verliert das Bewusstsein für sich selbst. Wir neigen dazu, uns von der Szenerie gefangen nehmen zu lassen und vergessen dadurch alles über das Selbst.

Nun, wenn wir mit geschlossenen Augen da sitzen, nicht sehen können, was außerhalb geschieht, unsere Aufmerksamkeit auf unser Selbst, unseren Atem richten, werden wir uns des Körpers bewusst. Weißt du, warum der Körper schmerzt? Dein Körper möchte damit erreichen, dass du die Aufmerksamkeit auf ihn richtest. Wenn der Kopf schmerzt, spricht dich auch die allerschönste Kulisse nicht mehr an. Der Geist wird vom Schmerz im Kopf oder im Bein angezogen. Der Schmerz hat also das Vermögen, die Aufmerksamkeit des Geistes unwillkürlich auf den Körper zu bringen. Wenn wir unseren Geist bewusst auf den Körper richten, ist das Yoga Nidra oder Meditation. Umgekehrt besteht kein Bewusstsein für die Seele, wenn der Geist sich vom Körper verfangen lässt. Ihr habt es alle schon selbst während der Meditation erfahren: Das Bewusstsein wechselt vom Körper zu den Gedanken, um schließlich – wenn es mehr nach innen gerichtet ist –nur noch das „Ich bin“ bewusst wahrzunehmen. Wo oder wer ich bin verliert an Bedeutung. Gott ist, vom „Ich bin” zum „Alles ist” zu gelangen. Wenn du einen Schritt tiefer in die Meditation gehst, taucht das Bewusstsein auf, dass alles „ist”. Diese Bäume, die Berge, der Fluss, dieser Körper – sie unterscheiden sich nicht voneinander. Ich bin nichts Besonderes, nur das Bewusstsein der Existenz. Es ist also der Fokus auf das Äußere, der zum Vergessen führt. Es ist nicht so, dass der Kopf vor den Kopfschmerzen nicht existiert hätte. Ähnlich ist es bei der Seele. Um die Seele zu erfahren, muss der Geist von allen Eindrücken befreit werden. Das Bewusstsein für die Seele geht durch die Neigungen des Geistes verloren. Aus diesem Grund steht in den Veden, dass man immer wieder Meditation praktizieren soll, um all die geistigen Eindrücke auszulöschen. So wie wir auch wechseln zwischen Wachsein und Schlaf, wird uns das wiederholte Löschen der geistigen Eindrücke durch die Meditation in unserem Selbst verankern. Diejenigen, die gut schlafen, sind aufmerksam, wenn sie aufwachen. Auf die gleiche Weise hilft die Meditation dabei, Wachsamkeit im Zustand des Wachseins aufrechtzuerhalten.

Wir fühlen uns nur inspiriert zu arbeiten, wenn wir der Meinung sind, etwas sei nicht in Ordnung. Irgendetwas gefällt uns nicht oder wurde nicht richtig gemacht. Wenn wir in Aktivitäten involviert sind, sollten wir fühlen, was nicht in Ordnung ist und korrigiert werden muss. Aber wenn wir in der Meditation sind, sollten wir empfinden, dass alles gut ist. Ein Dummkopf macht das Gegenteil davon. Wenn er mit geschlossenen Augen da sitzt, richtet er seine Aufmerksamkeit auf alles, was nicht stimmt. Ist er aktiv, akzeptiert und übersieht er alles, die Korruption, die Ineffizienz. Eine solche Person ist weder für die Welt noch für sich selbst von Nutzen. Deshalb hat Lord Krishna in der Gita gesagt, dass man einen Saatvikta (der Reine, Anm.d.Ü.) daran erkennt, dass er weiß, wann er handeln muss und wann nicht.

Entspanne dich also während der Meditation mit dem Gedanken, dass alles in Ordnung ist. Und überhaupt, wie lange kannst du auf dieser Welt etwas in Ordnung bringen? Sind es sechzig, siebzig Jahre? Diese Welt existiert seit Urzeiten und wird weiterhin existieren. Was willst du tun, wenn ein Dämon in einigen Jahrhunderten geboren wird? Wisse, dass Gott sich um diese Welt kümmert. Dieser Gedanke sollte dich bei der Meditation begleiten, dann wird Samadhi geschehen, und Glückseligkeit wird erwachen. Ist die Glückseligkeit einmal erwacht, kannst du nicht weiterhin wie ein Stein in Samadhi sitzen. Da du als Mensch geboren wurdest, musst du dich bei irgendwelchen Aktivitäten engagieren. Während der Aktivität erweckt alles, was wir als nicht richtig erkennen, Enthusiasmus in uns.

Die ganze Welt ist Gott. Es ist schon Puja, wenn wir dieser göttlichen Welt dienen. Deshalb sagt man, dass die ganze Welt aus rhythmischen Schwingungen besteht, und dass aus dieses Vibrationen Ambrosia, Amrit, erzeugt wird. Und was tun wir in der Sudarshan Kriya? Durch das rhythmische Atmen werden wir uns des Rhythmus der Seele, des Selbst, bewusst. Nur durch diese Schwingungen kann Glückseligkeit erweckt werden.  Wenn du mit modernen Wissenschaftlern sprichst, werden sie eingestehen, dass diese Welt nur aus Schwingungen besteht.

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