Wenn das Wissen fest in einem verankert ist …

Kanada, 26. November 2010:

F: Warum richtet man sich in so vielen Religionen beim Gebet Richtung Osten? Ist es gut, sich beim Meditieren nach Osten zu wenden?
Sri Sri Ravi Shankar: Es gibt dafür verschiedene Gründe. Die Sonne geht im Osten auf. Am Morgen meditierst du also Richtung Osten gewandt. Am Abend jedoch wendest du dich Richtung Westen, weil dort die Sonne untergeht. Die Energie fließt von dort, wo die Sonne ist. Wenn du dich also der Sonne zuwendest, bist du ausgeglichen. Für Gebet und Meditation ist Ausgeglichenheit notwendig – Ausgeglichenheit des Geistes, der Haltung … Schau, es spielt keine Rolle, welcher Richtung du dich beim Meditieren zuwendest, solange du dich überhaupt einer Richtung zuwendest und meditierst.

F: Warum hat Gott so viele Galaxien, Universen, Menschen usw. geschaffen? Was war seine Absicht?
Sri Sri Ravi Shankar: Nun, er hatte nichts Besseres zu tun! (lächelt)
Es ist offensichtlich – frag jemanden, der Fußball spielt. Wenn so viele Leute um einen Ball kämpfen und ein Außerirdischer kommt und beobachtet, wie 22 Leute sich um einen Ball streiten, wird er fragen: „Auf dieser Welt gibt es so viel, warum gebt ihr nicht jedem Spieler einen eigenen Ball? Sie stolpern alle übereinander und schießen diesen einen Ball ins Netz und so viele Leute freuen sich darüber. Wozu der ganze Tumult? Gebt einfach jedem einen eigenen Ball, den er ins Netz schießen kann.“

Einem Außerirdischen erscheint das weder intelligent noch zweckmäßig. Aber Fußballfans werden sagen: „Oh, das war so fantastisch!“ Der Zweck von allem, was die Menschheit je geschaffen hat, ist Glück. Aus demselben Grund hat Gott all das geschaffen. Und er erfreut sich daran, als würde er ein Fußballspiel sehen. Es gibt keine weitere Absicht.

F: Ich habe mehrere Partnerschaften durchlebt. Ich habe das Gefühl, mich von jeglicher Partnerschaft gelöst zu haben, aber das wiederum gibt mir das Gefühl, egoistisch zu sein. Was kann ich tun?
Sri Sri Ravi Shankar: Die Liebe kann alle Beziehungen klären. Schau, es macht nichts aus, wenn die anderen meinen, du seist ein Esel. Es spielt keine Rolle! Aber tritt nicht nach ihm und gib ihm damit recht! Sei von deiner Warte aus freundlich. Erwarte von niemandem etwas, dann bist du glücklich. Wenn wir Erwartungen haben, geht es uns schlecht.

Wenn du traurig bist oder dich schlecht fühlst, dann besitze die Stärke, den Grund für diese Traurigkeit aufzugeben. Du kannst nur beten: „Wenn ich glücklich bin, lass mich Seva verrichten; wenn ich traurig bin, gib mir die Stärke zu verzichten.“
Eine Dame fragte einmal: „Warum hat Gott einen so traurigen Ort erschaffen?“ Damit du dich ihm zuwenden kannst. Obwohl die Welt so traurig ist, kannst du nicht von ihr lassen! Kannst du dir vorstellen, was geschehen würde, wenn sie gut wäre? Du musst dich dem Schöpfer über die Schöpfung nähern, erkenne den Schöpfer in seiner Schöpfung. Sie ist wie ein Hologramm.

In Momenten des Leids brauchen wir die Stärke, ein Opfer zu bringen. In Momenten des Glücks müssen wir unser Glück teilen.

F: Ich glaube, mir ist meine Faulheit am lästigsten. Ich bin nicht motiviert. Ich möchte gerne so viel tun.

Sri Sri Ravi Shankar: Bezahl jemanden dafür, hinter dir her zu sein, wenn du faul bist. Sag ihm: „Wenn ich faul bin, lass es nicht zu, dass ich mich hinsetze oder hinlege. Droh mir mit dem Stock.“ Die Faulheit erledigt sich, wenn du einen Freund hast, der hinter dir her ist. Ein Ehepartner wäre hier gut! (lacht)

Es gibt drei Möglichkeiten, die Faulheit zu überwinden:
Erstens: Habgier. Wenn du habgierig bist, dann rettet dich das vor der Faulheit. Sagt dir jemand: „Wenn du dieses Pranayama 40 Tage lang machst, bekommst du 1 Million Dollar“, so wirst du antworten: „Sicherheitshalber werde ich es sogar 45 Tage lang machen.“

Zweitens: Angst. Angst lässt die Menschen auf Schwindel hereinfallen. Manche behaupten ja sogar, das Karma zu bereinigen. Das Karma wird bereinigt, wenn du meditierst. Wenn du Liebe hast und anderen hilfst, wird Karma bereinigt. Es ist bedauerlich, dass die Leute nichts über Spiritualität wissen – weder aus eigener Erfahrung noch haben sie je die Schriften gelesen. Hier ist die vedische Tradition von Bedeutung. So viele Seher haben die Regeln festgelegt. Und dann haben sie sie überprüft, um sicher zu gehen, dass es keine Illusion ist. Aber aus Angst fallen die Menschen immer noch auf Schwindel herein.

Drittens: Liebe. Wenn du etwas wirklich liebst – beschäftigt dich die Faulheit dann noch?

Wenn keine dieser drei funktioniert, kehre zurück zu meiner ersten Option. Bezahle jemanden, damit er hinter dir her ist!

F: Welche Voraussetzungen braucht man, um Befreiung zu erlangen?
Sri Sri Ravi Shankar: Die Tatsache, dass du ein guter Mensch mit einem gesunden Menschenverstand bist,  genügt völlig. Und ALLE Menschen sind gut!

Leider verkünden einige Wissenschaftlicher, dass Menschen gute und schlechte Seiten haben. Das Konzept geht davon aus, dass du eine lichte und eine dunkle Hälfte hast. So ist das nicht. Stell dir vor, jemand käme und würde zu dir sagen: „Du hast eine dunkle Seite. Du könntest ein Mörder sein.“ Du würdest sagen: „Nein, nicht einmal im Traum!“ Dann beginnt das Überlegen: „Oh, vielleicht steckt da etwas in mir …“ Damit legst du die Saat in dir und gibst dem Nahrung, was dort vorher noch nicht war.

Es gibt einen schönen Vers des indischen Poeten Kabir: „Ich habe einen schlechten Menschen gesucht, aber keinen gefunden.“ Die Menschen verfügen über negative Tendenzen, aber das entspricht nicht der menschlichen Natur. Das ist nur ganz im Äußeren. Warum benimmt sich jemand schlecht? Weil er verletzt wurde. Ein glücklicher Mensch, der zufrieden und in seiner Mitte ist, wird niemals jemanden verletzen, nicht einmal ein Tier. Schau, die Löwen gehen nicht immer auf die Pirsch, sondern nur, wenn sie hungrig sind. Und sie töten auch kein anderes Tier aus Wut. Sie tun es nur aus der Notwendigkeit heraus.

Das Konzept also, dass der Mensch eine helle und eine dunkle Seite hat, wurde vom Menschen geschaffen und ist von der Realität weit entfernt! Gehe in deine Seele. Sat-Chit-Ananda; wahr, glückselig – das Bewusstsein.

Ein Wunsch ist aufgekommen und ich möchte dich dazu befragen. Gib mir einen Einblick in die Selbsterkenntnis.

Du bekommst ihn. Entspanne dich. Schau, um einen Zug zu erreichen, musst du dich beeilen, deine Sachen packen, zum Bahnhof gehen und in den Zug einsteigen oder du musst zum Flughafen gehen, um ein Flugzeug zu erreichen. Wenn du aber im Flugzeug sitzt, dann entspanne dich. Zwischen den Sitzreihen auf und ab zu laufen mit dem Gepäck in der Hand wird dich dem Ziel nicht schneller näher bringen! Bist du erst mal auf dem Weg, so entspanne dich.

Nachdem Lord Krishna Arjuna alles, was zu tun ist, gesagt hatte, meinte er zu ihm: „Lass all das los, ich werde dich von all deinen Sünden erlösen. Lass alles los, woran du festhältst. Löse dich auch von deinem Dharma. Ich erlöse dich von all deinen Sünden.“ Stattdessen versuchen die Menschen, sich selbst von ihren Sünden zu erlösen. Das wird nie geschehen. Das Göttliche wird dich von deinen Sünden erlösen.

Du musst nur alles loslassen, woran du festhältst, das ist alles. Das ist wunderschön. Erst lehrt Lord Krishna Arjuna das Dharma verstehen. Dann bringt er Arjuna dazu, alles davon wieder loszulassen. Lord Krishna sagt: „Nimm Zuflucht in mir, in mir alleine. Ich erlöse dich von all deinen Sünden.“

F: Danke, dass du Teil meines Lebens bist. Ich mache mir Sorgen, ob ich den Sinn meines Lebens verfehlt habe oder dass dieser Sinn nicht so groß ist, wie ich es mir erhofft hatte.
Sri Sri Ravi Shankar: In diesem Phänomen namens Die Kunst des Lebens nimmst du eine wichtige Rolle ein. Im nächsten Jahr begehen wir unser 30jähriges Jubiläum. Tröpfchenweise haben so viele Menschen zu diesen 30 Jahren beigetragen. Nimm an Satsangs teil und an Seva-Projekten. Auf Haiti und in Indien gibt es so viele Seva-Projekte. Selbst in Kanada brauchen die Indianer Hilfe. Es gibt so viel hier im Ashram zu tun.

F: Ich übe mich ständig in Gewahrsein. Wird mir das den Frieden bringen?
Sri Sri Ravi Shankar: Sei einfach natürlich. Entspanne dich, um Gottes willen. Übe nicht immer das Gewahrsein. Gewahrsein ist wichtig, aber übe es nicht immer. Selbst die Gita warnt vor Extremen. Sei einfach entspannt.

Stelle dir vor, beim Musikhören vollkommen gewahr zu sein. Nein – Musik muss man entspannt genießen. Eine Handlung ist immer begrenzt. Das betrifft alles, was du tust, auch die Meditation. Deshalb soll man es der Meditation erlauben, einfach zu geschehen. All die Techniken schaffen für den Geist einen Rahmen, Erfahrungen zu sammeln und über seine Begrenzungen hinauszugehen. Selbst die Musik schafft eine Atmosphäre, in der das Bewusstsein Auftrieb erfährt. Musik ist „Laya-Yoga“. Laya bedeutet Auflösung. Es ist die höchste Form des Samadhi, des Einsseins mit Gott, die geschehen sollte.

Achte auf Ausgewogenheit zwischen Gewahrsein und dieser Auflösung.

F: Bitte sage etwas zu den Tieropfern und dem Zungenpiercing im Hinduismus.
Sri Sri Ravi Shankar: Hinduismus ist eine Lebensart und existiert seit Millionen von Jahren. Viele Praktiken sind nur Zusätze und Erweiterungen. Stell dir vor, dass du einen Mantel für den Winter hast. Du kommst ins Haus und legst den Mantel ab, bevor du eintrittst. Das wird dann zu einer Praktik und dann kommt die Regel, dass du auch immer Sommer nur ein Haus betreten kannst, wenn du einen Mantel hast, der aufgehängt werden muss. Das gleiche gilt hier. Tieropfer werden von den Schriften nicht gestützt. Das gilt auch für das Zungenpiercing. Selbst Lord Krishna sagt, dass nur ein Dummkopf seinen eigenen Körper quälen würde.

F: Während der Meditation kommen bei mir sexuelle Gefühle auf. Was kann ich tun?
Sri Sri Ravi Shankar: Das ist nur eine Phase. Das geschieht am Anfang, wenn die Energien durch die Chakren aufsteigen. Das geht vorbei. Beobachte sie einfach, erweise ihnen die Ehre und lass sie ziehen.

F: Sind wir alle Teil der göttlichen Lichtquelle?
Sri Sri: Selbstverständlich. Aber bis du diese Erfahrung machen kannst, behalte es im Kopf.

F: Kann man Wissen mit Weisheit gleichsetzen?

Sri Sri Ravi Shankar: Wenn das Wissen fest in einem verankert ist, ist es Weisheit.

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