Eine Kombination aus Feingefühl und Stärke

Montreal, Kanada, den 25.11.2010

F.: Wie kann ich es erreichen, keine hässlichen Gefühle hinter hässlichen Worten zu sehen?
Sri Sri Ravi Shankar: Manchmal sprechen die Menschen Worte aus, aber in Wirklichkeit fühlen sie gar nicht so. Kommt das bei dir nicht auch vor? Als Kind sagst du Dinge, die du gar nicht meinst. Gewöhnlich sagen Kinder das, was sie meinen. Wenn wir älter werden, fallen unsere Worte und Gefühle auseinander. Sie entsprechen sich nicht mehr. Kümmere dich nicht darum, was andere Menschen fühlen. Gefühle verflüchtigen sich. An dem einen Tag fühlen sich die Menschen gut, am nächsten Tag nicht. Mache dir darüber keine Sorgen. Anerkenne einfach, dass die Person sich nicht gut fühlt, dass sie hier ist, um daran zu arbeiten. Es macht keinen Sinn, wenn wir ärgerlich werden, weil jemand sich nicht gut fühlt. Manchmal verändern sich ihre Gefühle, aber deine bleiben bestehen. Jemand setzt dir einen Zweifel in den Kopf und vergisst es, du hältst jedoch daran fest. Das gleiche geschieht bei älteren Bürgern, die sich beklagen und es wieder vergessen, während du an der Beschwerde festhältst.

Schau auf den gegenwärtigen Augenblick – jetzt, jetzt, jetzt! Wach auf! JETZT! Alles andere ist Unsinn. Alles was geschehen ist, ist in die Leere zurückgegangen. Alles löst sich in der Leere auf. Deine ganze Vergangenheit – ausgelöscht! All die Dinge, die du gefühlt hast, sind verschwunden. Gut oder schlecht, sie sind weg. Wach also auf und stelle dich der Wahrheit des gegenwärtigen Augenblicks. Göttlichkeit ist im gegenwärtigen Augenblick zu finden. Yoga bedeutet, im Augenblick gegründet zu sein. Mit Augenblick ist hier nicht ein flüchtiger Moment gemeint. Der Augenblick trägt die Tiefe der Unendlichkeit in sich. Er beinhaltet die ganze Vergangenheit und die ganze Zukunft.

Wen interessiert es, was du fühlst? Wirf deine Gefühle in den Ozean. Ein leises Gefühl des Unbehagens taucht auf. Wen kümmert das? Tust du das, was du tun willst? Und hältst du die Empfindsamkeit deines Bewusstseins aufrecht oder benimmst du dich wie ein Bulldozer (ich werde tun, was immer ich will), wenn du das tust, was du tun willst? Wenn du dich wie ein Bulldozer benimmst, bist du gefühllos. Ob du überempfindlich und sehr schwach bist oder dich benimmst wie ein Bulldozer, beides ist nicht richtig. Die beste Kombination ist, wenn du empfindsam und stark bist. Das ist Weisheit, und daran müssen wir arbeiten.

Die Auswirkung vergangener Handlungen ist begrenzt. Sicherlich wirken sich vergangene Handlungen aus. Du fährst zum Beispiel zu schnell, bekommst eine Buße und musst bezahlen. Wenn du drei Bußen erhältst, musst du deinen Führerschein abgeben, kein Zweifel. Brüte jedoch nicht darüber. Wach auf. Wenn du aufwachst, werden noch nicht einmal die Konsequenzen eintreten, vor denen du dich fürchtest. Es wird dir in genau dem Augenblick vergeben werden. In dem Moment, in dem wir unseren Fehler anerkennen, wird uns vergeben. Also bist du in jedem Augenblick unschuldig, während dem du wach bist.
Nimm die Herausforderung an. Immer wenn jemand sich dir gegenüber hässlich verhält, tue etwas so Nettes, dass die Person überrascht wird. Du wirst plötzlich bemerken, dass ein Wandel stattfindet. Wenn das nicht geschieht, ist es auch in Ordnung. Zumindest hast du etwas Gutes getan.

Die Welt ist ein komischer Ort, das sage ich dir. Entweder ist es hier sehr unterhaltsam, oder es ist so schmerzhaft und elend. Du kannst es nicht ertragen. Manchmal tust du so viel für jemanden, und er dreht dir den Rücken und tut Dinge, die dir schaden. Viele Eltern sagen: „Ich habe so viel für meine Kinder getan, und nun distanzieren sie sich von mir.“ Das geschieht nicht nur bei den Eltern, sondern auch unter Arbeitgebern, Freunden, Geschwistern und sogar Ehepartnern. Wenn wir schon über Ehegatten sprechen: Es gibt vier  Phasen in der Ehe. Erste Phase: Verrückt nacheinander. Zweite Phase: Gemacht für einander. Dritte Phase: Verrückt aufeinander. Vierte Phase: Verrückt wegen einander.

F.: An manchen Tagen fühle ich so viel Liebe für das Göttliche. An anderen Tagen, möchte nur für meine Wünsche beten.
Sri Sri Ravi Shankar: Sei einfach natürlich. Wenn das Gebet sich ereignet, erschaffe keinen Konflikt oder Verwirrung in dir. Sage nicht: „Ach, es wird sowieso geschehen!“ Gebete sollten jedoch nicht aufgrund von  Zwang geschehen.

F: Sag uns bitte, was an der Nasenspitze so besonders ist.
Sri Sri: Alle sensorischen Nerven enden in der Nasenspitze. Es gibt zwei Punkte, die wichtig sind für die Aufmerksamkeit und die Konzentration des Gehirns: die Ohrläppchen und die Nasenspitze. Das sind die Marmapunkte. Das sind geheime Punkte. Wenn du auf deine Nasenspitze achtest, verbessert sich deine Konzentration. Das gilt ganz besonders für Kinder. In der Tradition des Jainismus werden 100 Zahlen multipliziert (Avadhan).  Sie konzentrieren sich auf die Nasenspitze. Es ist verblüffend! Sie rechnen schneller als Computer.

Man nennt sie Shathavadhanis. Avadhan ist die Methode, Erinnerungen im Bewusstsein zu speichern. Das ist wie ein fotographisches Gedächtnis. Menschen, die diese Methode anwenden, die Avadhanis, können einem sagen, welches Datum ein Dienstag im Jahr 1700 hatte. Dieses Wissen wurde systematisch ausgelöscht. Das ist bedauerlich.

F: Was hat Ayurveda mit Meditation zu tun?
Sri Sri Ravi Shankar: Ayurveda ist eine vollkommene Wissenschaft. Sie beschreibt Dincharaya (die tägliche Routine) und Ritucharya (Routine der Jahreszeit entsprechend). Dinacharyaschließt die Meditation mit ein, die die drei Doshas ausgleicht (Konstitution des Geistes bzw. des Körpers). Der Geist beeinflusst den Körper und dessen Doshas undGunas (drei Qualitäten der Natur: natürliche Qualitäten: Sattva, Rajas und Tamas). Der Geist, der Atem, die Kräuter – sie sind also alle miteinander verbunden. In ähnlicher Weise hilft einem Ayurveda, tief in Meditation zu versinken. Zu viele Gedanken sind ein Anzeichen für hohes Pitta (eines der drei Doshas). Also muss Pittabehandelt werden. Im Ayurveda werden Mischungen als „Yoga“ bezeichnet). Wenn zwei Kräuter gemischt werden zum Beispiel, so nennt man das Yoga. Dieser Yoga-Begriff ist also ähnlich in der Meditation und im Ayurveda.

F: Wo siehst du Die Kunst des Lebens in 25 Jahren?

Sri Sri Ravi Shankar: Diese Vision überlasse ich dir. Jeder von euch soll sich vorstellen, wie er Die Kunst des Lebens wachsen sehen möchte. Darüber nachzudenken überlasse ich euch. Heute gibt es Die Kunst des Lebens auf der ganzen Welt. Schaut, es ist noch nicht lange her seit es Handys gibt. Aber nun gibt es sie an allen Ecken überall auf der Welt. Weshalb? Weil sie nützlich sind. Ähnlich ist es auch mit dem Wissen, wie man mit dem eigenen Geist in Verbindung tritt, wie man mit seinen Gefühlen umgeht – dieses Wissen ist nützlich und wird sich weiter verbreiten.

F: Wie weihst du deine Schüler ein? Wie wählst du sie aus?
Sri Sri Ravi Shankar: Schränke unsere Beziehung nicht ein. Lass Liebe Liebe sein, gebe ihr keinen Namen. Für einen Meister gibt es keine Schüler. Für einen Schüler aber gibt es einen Meister. Schau, wenn du die Kriya machst, bist du eingeweiht.

F: Muss man Kursleiter werden, um auf dem spirituellen Pfad voranzukommen? Wissen, Erfahrung oder Glaube – was kommt zuerst?
Sri Sri Ravi Shankar: Schau, aus ein bisschen Erfahrung wächst Wissen und dann geschieht der Glaube. Sie sind alle miteinander verbunden. Bei der Kunst des Lebens sagen wir: zuerst die Erfahrung und dann geht es Schritt für Schritt weiter. Es ist gut, Kursleiter zu werden, denn dann kannst du andere unterrichten und das macht sehr viel Freude. Denke aber nicht, dass du Kursleiter werden musst. Du hast dieselbe Stellung inne, ob du Kursleiter bist oder nicht. Denke nicht, dass du weiter fortgeschritten bist, weil du Kursleiter bist.

F: Wie gelingt es, die Natur vollständig anzunehmen? Besonders den fürchterlichen Regen und den Schnee in diesem Land?
Sri Sri Ravi Shankar: Ich genieße dieses Wetter. Vielleicht solltest du in die Sahara gehen, um zu erkennen, wie angenehm es in einem so kühlen Land ist. Das geschieht in deinen Gedanken. Akzeptiere es oder ziehe um nach Florida!

F: Ich bin schon so lange auf dem Pfad, aber ich fühle mich noch immer von gewalttätigen Partnern angezogen, die nicht sattvisch sind. Was kann ich tun? Die Anziehung ist beinahe unwiderstehlich.
Sri Sri Ravi Shankar: Was soll ich sagen? Dann mal los! Den Ärzten und Krankenhäusern vor Ort wird es einträglich sein, wenn du dir dank deiner gewalttätigen Partner immer wieder ein Körperteil brichst. Schau, es geht hier um Verhaltensmuster … Wenn du dies als dein Verhaltensmuster erkennst, so werde wach und sage dir: “Ich werde diesem Muster nicht mehr zum Opfer fallen!” Du bist stark genug! Du wirst stark genug sein.

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